interview cravenidol 02Ihre eigene, ganz spezielle Variante von angeschwärztem Thrash Metal liefern CRAVEN IDOL auf ihrem zweiten Longplayer ab. Wo Primitivität und Komplexität aufeinander treffen, wachsen die die Londoner über sich hinaus. Ein Inferno an Power und Rafinesse bricht über uns herein.

Ralf: Hi, wie ist die Lage in Großbritannien? Erzähl mir doch bitte was über die Gründung von CRAVEN IDOL. Wer kam denn auf den (coolen) Namen?

Vrath: Die Band wurde 2005 von Scourger und mir (Vrath) in Nordlondon gegründet. Das einzige Ziel war es, Old School Extreme Metal der späten Achtziger und frühen Neunziger zu spielen. Wir dachten dabei nicht über einen Demostatus hinaus, und wir haben beharrlich kaum Gigs gehabt. Natürlich hat sich das jetzt alles geändert!
Nachdem wir beide von den kleinen Dörfern in Richtung Industriegebiet gezogen sind – Scourger von Witham (UK), ich selbst von Mougins (Frankreich), waren wir scharf drauf mit Songschreiben loszulegen, und schon bald fanden die ersten Proben als Duo in einem kleinen vollgestellten Keller in der Nähe von King‘s Cross statt – wir haben da kaum reingepasst. Das Ergebnis war unser 2006er Demotape. Aber die Dinge kamen erst 2008 ins Rollen, als wir unsere Mini-LP „Ethereal Altars“ schrieben und aufnahmen – sie wurde auf Vinyl und CD über Hammer Of Hammer Records veröffentlicht. In diesem Jahr spielten wir auch unsere ersten Shows, erneut zusammen mit Drummer Volgard und Bassist Suspiral. Wir haben 2013 beim US Label Dark Descent für unser erstes Album „Towards Eschaton“ unterschrieben, und nun, 2017, haben wir endlich unser Zweitwerk „The Shackles Of Mammon“ rausgebracht. Der Name entstand nach mehreren Monaten beim Versuch, den perfekten Titel zu finden – vielleicht war er vom Begriff „Graven Image“ beeinflusst, da bin ich mir aber nicht mehr sicher.

Ralf: Der Titel eures neuen Albums „The Shackles Of Mammon“ klingt auf den ersten Blick ziemlich untypisch für eine Black-Thrash-Band. Sind wir alle an diese Fesseln gebunden? Gibt es einen Fluchtweg aus unserer materiellen Welt?

Vrath: Interessant das zu hören! Klar haben wir anfangs 2005 den Göttern solcher Bands gehuldigt wie BATHORY, DESTROYER 666, GOSPEL OF THE HORNS etc., unser Sound hat sich seitdem aber erweitert, heutzutage zeichnen uns Einflüsse von einem weiten Bereich der Genres aus, wie Heavy, Speed und auch Doom Metal. Unser Ziel war es allerdings, trotz allem immer eindeutig nach CRAVEN IDOL zu klingen. Wir versuchen musikalisch die Fesseln der verschiedenen Trends loszuwerden, die scheinbar heutzutage die Metalwelt dominieren, indem wir uns dahingehend so isoliert wie möglich geben.
In der jetzigen Gesellschaft gibt es wirklich kaum eine Möglichkeit, sich der materiellen Welt zu entziehen, die wir für uns erschaffen haben, obwohl die jungen Generationen scheinbar das Materielle durch das Digitale ersetzt haben. Das sind definitiv die sprichwörtlichen Ketten, an die wir gebunden sind. Das Albumcover zeigt Mammon, der die Wertmaßstäbe der menschlichen Bedürfnisse unerreichbar über jemandes Kopf baumeln lässt...doch alles außer seinem Ruin ist vorgegaukelt. Mammon ist nicht real, die Währung hat keine Macht, die Visionen der Flammen sind eingebildet, so wie die Fesseln.

interview cravenidol 03

Ralf: Es ist euer zweites Album, nicht wahr? Was kannst Du zum ersten sagen?

Vrath: „The Shackles Of Mammon“ ist in der Tat erst das zweite Album, und es ist wie das erste „Towards Eschaton“ via Dark Descent erschienen. „Towards Eschaton“ beinhaltet als Debüt jede Menge unserer frühen Ideen von Anfang an über die lange Zeit, als es geschrieben wurde, während „Shackles“ mehr eine stimmige Einheit ist. Für eine Erstveröffentlichung über ein Label wie Dark Descent bekam es jede Menge positiver Resonanzen und stellte uns einer größeren Zuhörerschaft vor. Somit gab es für das zweite Album unsererseits keine Alternative zu Dark Descent!

Ralf: Wie sieht die aktuelle Situation für den Heavy Metal in Großbritannien aus? Ist Old School Metal mittlerweile eher akzeptiert als noch vor einigen Jahren?

Vrath: Auf jeden Fall. Als ich vor über zehn Jahren hierher zog, war die Old School Szene definitiv dem Untergang geweiht. Vereinzelte Bands hissten noch die alte „Flag Of Hate“, jedoch waren die meisten Bands anscheinend von Formationen beeinflusst, die eine Kopie der Kopie einer Kopie waren, gerade die jungen Bands. Abseits ihrer Wurzeln produzierten sie lahmen und uninspirierten Müll, der nun zum Glück verdrängt wurde. Ein paar großartige Bands wie GRAVE MIASMA, ADORIOR und INDESINENCE waren da wirklich der Stützpfeiler der damaligen Old School Szene.
Heute hat sich alles umgekehrt und tatsächlich ist Old School Mucke so trendy wie jede andere Modeerscheinung. Okkulter Death Metal und neue NWOBHM Bands der zweiten Generation schießen wie Pilze aus dem Boden, eine langweiliger und angebiederter als die andere. Die haben scheinbar das Gespür verloren, um was es im Metal letztendlich geht, und ich kann Dir sagen, es geht nicht darum, auf Nummer Sicher zu gehen!

Ralf: Wie ist Deine Meinung zum Brexit? Was hat sich geändert? Hast Du Angst vor der Zukunft?

Vrath: Es ist auf jeden Fall eine interessante Situation. Die gegenwärtige Tory-Regierung unterhalb der von „Arme-Leute-Thatcher“. Theresa May ist das opportunistischste, selbstsüchtigste und gierigste, was das Land in Jahrzehnten gesehen hat. Der populistische Ansatz bei den Brexit-Wahlen (ganz abgesehen von den faulen Säcken, die sich nicht mal bemühten zur Wahl zu gehen!) klangen an die Propagandazeiten der Vergangenheit an. Aber die nördlichen Bezirke deckten alles ab, und es funktionierte weiterhin. Jetzt ist das Pfund einen Scheiß wert, und wenn Trump es nicht über den Fjord hinaus posaunen würde, wären wir der lachende Bestand der Welt. May denkt, sie könne so etwas wie ein außerordentliches Geschäft mit der EU aushandeln, aber sie macht sich da selbst was vor. Dachte sie doch, die Vereinigten Staaten würden England den Rücken stärken (Trump verkündete unlängst, dass die EU-Länder Vorrecht genießen). An diesem Tag heute (3. Mai 2017) hat sie die EU beschuldigt, ihre ad-hoc-Wahl manipulieren zu wollen, die sie in jenem Monat angesetzt hatte!
Ich selbst bin seit über 10 Jahren in diesem Land mit Arbeit versorgt und nenne es Heimat, mache aber dennoch keinen Hehl daraus, auf keinen Fall meine finnische Staatsbürgerschaft für eine britische tauschen zu wollen (oder wohl bald eher eine englische?). Wenn es Zeit ist abzuhauen, würde ich ebenso erwägen, nach Deutschland zurückzukommen (wo ich einige meiner Jugendtage in den Neunzigern verbrachte) – ein wunderbares Land!

Ralf: Wie gestaltet sich euer Songwritingprozess?

Vrath: Als Hauptsongwriter ist der Entstehungsprozess etwas sehr Persönliches für mich, und auch definitiv der aufregendste Teil des Prozesses - ich mag es viel mehr als live zu spielen oder aufzunehmen. Der Moment, wenn Ideen aus der Luft gegriffen zu einer klanglichen Gestalt werden...oder auch zu furchtbarem Höllenlärm, wie ich es gerne nenne. Normalerweise schreibe ich in kurzen Ausbrüchen und bringe dann die Riffs bzw. Grundstrukturen zur Band, wo wir sie bis zur Erschöpfung durchspielen. Die Songs entwickeln sich da ganz natürlich währenddessen. Wir sind mit diesem Album auch als Band mittlerweile viel mehr zusammengewachsen, mit jedem, der an der Aufnahme beteiligt war. Das Ergebnis ist ein ebenso abwechslungsreiches wie auch aggressives Album.
In fast unkontrollierbaren Ausbrüchen zu schreiben kann auch zum gegenteiligen Effekt führen, wenn einem die Ideen ausgehen, dann ist es besser abzuwarten. Ich halte mich da an ein Gedicht von Charles Bukowski „So You Want To Be A Writer“, die im Kern den Ratschlag gibt „Wenn es nicht aus Dir herausbricht, egal was, lass es bleiben.“ Shark Shelton nennt es gerne „Der gesegnete Fluch der Muse“.

Ralf: Was sind eure wichtigsten musikalischen Einflüsse bzw. von was werdet ihr noch inspiriert?

Vrath: Hauptsächlich sind wir vom Geist des späten Achtziger Extreme Metal inspiriert. Als der Himmel die Grenze war und jeder heavier sein wollte als alle anderen. Zu einer Zeit, als andere Bands imitieren verpönt war (und nicht gefeiert wurde wie heute!) und neue Ideen weitverbreitet waren...eine lebendige Szene...lichterloh am Brennen! Aber als Vorstellung der Band nenne ich immer BATHORY, POISON (D), MASTER‘S HAMMER, VENOM, MERCYFUL FATE, INQUISITION, SARCOFAGO, SODOM, MANILLA ROAD und CANDLEMASS als unsere grundsätzlichen Einflüsse.
Andere Einflüsse bekomme ich durch Literatur. Ich habe Literatur an der Uni studiert (mit einem deutschsprachigen Prof ähnlich wie Kafka, Goethe, Nietzsche, Hesse, Hoffmann), ich bin demnach ein begeisterter Leser, was mich somit tief berührt. Am Meisten bin ich von bewusstseinserweiterndem Science-Fiction besessen – im Sinne von Vonnegut, Dick oder Bester. Ich bin auch Fan von deutschem Kino und Kunst, vor allem Wiene, Herzog und Dix.
Das andere Hauptthema des Albums ist Religion und ihre Abwandlungen. Als Literaturstudent habe ich viele bedeutende religiöse Werke gelesen, sei es die Bibel, das Popol Vuh, das Kalevala oder das Epos von Gilgamesh, ha! Ra, Tonatiuh und sie alle waren so real wie der Wert von Papiergeld.

Ralf: Wie steht es um die Live-Situation für CRAVEN IDOL? Spielt ihr häufig Gigs, und was habt ihr geplant um die neue Platte zu promoten?

Vrath: Wir spielen ab und zu Gigs, aber wir picken uns die passenden Gigs lieber selbst raus. Wir haben die Touren in letzter Zeit heruntergefahren, weil wir nicht der Meinung waren, dass sie für CRAVEN IDOL das Richtige waren. Für diese Veröffentlichung haben wir eine vollgepackte Show in unserer Heimatstadt London gespielt, das North Of The Wall Festival in Glasgow, und wir werden Ende des Monats mit NIFELHEIM spielen. Wir haben noch jede Menge andere Shows in den Verhandlungen, aber noch nichts Konkretes. Wir würden natürlich gerne erstmalig nach Deutschland kommen.

Ralf: Wie wurdest Du zum Metalhead?

Vrath: Meine Eltern mochten immer schon Rockmusik, so bin ich mit Scheiben von LED ZEPPELIN, AC/DC und BLACK SABBATH aufgewachsen...es war wirklich ein natürlicher Fortschritt in Richtung obskures Material. Nach PRIEST, MAIDEN und anderen wegweisenden Bands stolperte ich über die „Kiss Of Death“ 7“ von der NWOBHM-Band SATAN, die mir alle Tore öffnete, in einer Weise, dass ich damals noch gar nicht erfasste, wie viel Metal es da draußen gibt. Ich wollte mehr von dieser rohen Energie hören, die sie verkörperten. Das führte mich dann zu VENOMs „Black Metal“, die ich in einer kleinen Metal/Rock-Sparte eines großen Ladens fand. Das Cover, die Sounds, das Bild, die Aggression – es veränderte alles für mich, und ab dann wusste ich – ich MUSS meine eigene Band gründen.

Ralf: Was kommt als nächstes von der Band?

Vrath: Wie schon erwähnt haben wir diesen Gig mit NIFELHEIM im Underworld in Camden, London am 26. Mai, aber bis zu diesem Zeitpunkt ist noch nichts anderes bestätigt. Wir werden aber natürlich bald weitere Gigs bekannt geben.
Wir werden auch unsere 2010er EP „Ethereal Altars“ auf Kassette über ein kleines UK Label namens Carvetii Productions herausbringen. Diese wird auch das ausverkaufte Demo von 2006 enthalten sowie Coverversionen von POISON (D) und ONSLAUGHT. Wirklich eine sehr limitierte Auflage!
Außerdem schreiben wir schon an der nächsten Veröffentlichung. Es wird zwar kürzer, dafür aber auch schneller erhältlich sein. Tatsächlich haben wir gestern gerade die ersten Demos fertig gestellt.

Ralf: Vielen Dank – wir sehen uns auf Tour!

Vrath: Danke Dir! Und stell Dich den rasenden Gezeiten entgegen!

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