thetangent slowrustmachineryEs scheint, als habe sich ein zwei-Jahres-Rhythmus bei den Retroproggern eingestellt, zumindest erschienen die letzten Alben immer gegen Mitte ungerader Jahre. Mit mittlerweile 58 Lenzen hat Mastermind Andy Tillison noch nicht so viele Alben auf dem Buckel, weswegen er seine Kreativität ungebremst strömen lässt. Seine Hintermannschaft hat er hingegen weiter verjüngt, Luke Machin hat die dreißig noch nicht voll, ist aber immer stärker bei THE TANGENT integriert. Auf dem neuesten Werk "The Slow Rust Of Forgotten Machinery" übernimmt er die Rolle des Produzenten und hat Marie-Eve De Gaultier, die Keyboarderin seiner eigenen Formation MASCHINE, mit in die Band gebracht. Das eröffnete Tillison die Möglichkeit, sich anderweitig auszutoben und für einen fehlenden Schlagzeuger in die Bresche zu springen. Zwar spielt er Drums schon seit dreißig Jahren, doch nun zum ersten Mal auf einem Album seiner Canterbury-Formation.

Und hier lässt er den progressiven Strömungen und seiner Ideenvielfalt ganz freien Lauf, so dass er dem Hörer bis auf den Opener nur Megalongtracks serviert. Die sind alle vollgestopft mit allen möglichen Details und Genres, dass man zur Orientierung mal wieder einen Kompass braucht, zumal es dieses Mal keine Bonusedits gibt, welche den Zugang zu einzelnen Teilen erleichtern. Ging man auf "A Spark In The Aether" fordernder und konzentrierter zu Werke, so bedient man dieses Mal beide Lager der Hörer, auch wenn es sicher kein Rückschritt zur ätherischen Atmosphäre des Frühwerkes ist.

Wie man vermuten kann tendiert der kürzere Auftakt mit "Two Ropes Swinging" klar in die Richtung des Vorgängers, obwohl er es recht ruhig angehen lässt. Doch wenn dann das Tempo, getrieben vom prägnanten Bass, anzieht kommt klassischer Prog Rock um die Ecke, der sich am ehesten bei alten GENESIS anlehnt. Doch die nächsten Wendungen stehen schon parat, man packt in sechseinhalb Minuten schon eine Menge rein. So unterstützt Madame De Gaultier Tillison beim Gesang, was ebenso zum ersten Mal bei THE TANGENT zu vernehmen ist wie afrikanische Weltmusikeinflüsse, zu denen das Bassspiel sehr gut passt.

GENESIS ist auch der maßgebliche Querverweis im 22-minütigen Herzstück der Platte, dem quasi Titelsong "Slow Rust". Doch weit gefehlt, wer da eine weitere Ehrerbietung an "Foxtrott" erwartet, denn die Synthesizer und der pumpende Bass sind ganz klar an der Phase der frühen Achtziger angelehnt. Dabei beginnt auch diese vielschichtige Nummer sehr sanft und mit weiblicher Unterstützung, nimmt aber bis zum ersten Refrain immer mehr Fahrt auf. Nach einem ruhigen Mittelpart baut sich ein stampfender Rhythmus immer mehr auf und eröffnet dann einen sehr elektronischen Part mit allerlei Sprechgesang.

Sicher hat Tillison früher mit Electronica experimentiert, doch Songs wie "Exponenzgesetz" waren sehr ambient gehalten und erinnerten eher an die Berliner Schule. Hier hat der DJ Matt Farrow einen Gastauftritt, was sich im Endergebnis überraschend wie das Intermezzo in "Roll The Bones" von RUSH anhört. Allerdings sind die Parts nicht so gekonnt eingebunden, so dass man dessen Klasse nicht heran kommt, doch das Problem haben andere auch. Die Flöte von Theo Travis ist gegen Ende nur die Ruhe vor dem Sturm, wenn erstaunlich harsche Töne angeschlagen werden und auch die Solopassagen direkter werden.

Doch die Wut, die da teilweise durchscheint ist schon ansatzweise verstörend, aber nichts im Vergleich zu "A Few Steps Down The Wrong Road". Viele Spoken Words-Passagen treffen auf düstere Soundscapes, in die hin und wieder ein Saxophon hinein sticht. Das kann aber auch mal druckvoll nach vorne schieben, wenn Tillison scharfe Anklagen singt, dabei aber seine Melodiösität vergisst. Ein Synthesizersolo zeigt zwar wieder den richtigen Weg, doch die hart rockende Passage verlässt diesen sogleich wieder. Nie zuvor hat man den guten Andy mit einer so klaren politischen Botschaft erlebt, dass darunter etwas die Musikalität leidet, kennt man auch von Roger Waters.

So ist es mit "Doctor Livingstone" einem Instrumental vorbehalten Erinnerungen an die guten alten Zeiten von THE TANGENT zu wecken. Die Harmonie am Anfang taucht immer wieder auf und wirkt wie ein Leitfaden durch den Song. Verschiedenen Orgelmotive geben sich die Klinke in die Hand, wobei die alle genug Raum bekommen. Endlich darf auch wieder das typische Jazzpiano klimpern und das Alt-Sax über einen filigranen Basslauf schweben, zwischendurch wird es noch ruhiger, fast geisterhaft.
Ein weiterer Gegenpol zur Weiterentwicklung der Truppe ist "The Sad Story Of Lead And Astatine", das den coolen Vibe der ersten Scheiben atmet. Auch hier sind Orgel und Piano wieder federführend, doch vor allem beim floydige Outro darf auch Machin seine Fähigkeiten an den sechs Saiten demonstrieren. Nach einer vermehrt akustischen Passage überrascht Tillison plötzlich mit einem reinrassigen Drumsolo, das ebenfalls stark im Jazz verwurzelt ist, und bei dem die anderen Musiker stumm bleiben.

Doch es soll das einzige Mal bleiben, bei dem der Mastermind an seinem neuen Arbeitsgerät Akzente setzt, denn ansonsten bleibt er im Verlauf der Songs blass. Bei allem Respekt vor ihm, wenn man schon einige Mitstreiter hatte, die bereits für Frank Zappa die Stöcke schwangen, sollte man diese eigene Messlatte akzeptieren. Vielleicht hätte ein Gavin Harrison den Songs etwas mehr geben können, was ich auch ein wenig von der Produktion vermisse. Was man "The Slow Rust Of Forgotten Machinery" aber anrechnen muss, ist dass sich die Formation damit immer weiter bewegt, den Spagat zu ihrer Herkunft aber besser bewältigt als zuletzt. (Pfälzer)


Bewertung:

Pfaelzer7,0 7 / 10


Anzahl der Songs: 5
Spielzeit: 74:40 min
Label: Inside Out
Veröffentlichungstermin: 21.07.2017

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