hamferd támsinslikamKennt ihr das, wenn ihr jemanden schon eine ganze Weile kennt, ihn mögt und richtig gern habt? Und dann tut derjenige etwas, womit ihr so nicht unbedingt gerechnet habt. Und auf einmal merkt ihr: Scheiße. Ich mag den ja gar nicht mehr. Ich liebe ihn! Jetzt kenne ich HAMFERÐ ja schon wirklich eine ganze Weile, habe mir die EP seinerzeit sofort noch auf dem Konzert gekauft, nachdem ich die Truppe zum ersten Mal live gesehen habe und sie mich einfach umgehauen hat. Auch das Debütalbum „Evst“ hat mich beim ersten Hören sofort überzeugt. Jetzt, rund vier Jahre später, ist der Nachfolger „Támsins Likam“ erschienen.

Und da stellt sich die Frage: Nachfolger oder doch Vorgänger? Denn „Támsins Likam“ beschließt eine umgekehrte Trilogie, deren Handlung auf „Vilst Er Síðsta Fet“ endete und nun auf „Támsins Likam“ beginnt. Hier werden nun die Anfänge der Geschichte eines Mannes erzählt, der am Ende alles verliert, was ihm lieb war, einschließlich ihm selbst. Auf diesem Album geht es nun um den Beginn der Tragödie, als einer der gemeinsamen Söhne stirbt und Mann und Frau sich aufgrund der unterschiedlichen Art, ihre Trauer zu leben und mit ihr umzugehen, zusehends entfremden. Hinzu kommt ein nicht näher bestimmtes Wesen, wie es sie in der färöischen Folklore zuhauf gibt, wie man sie dort hinter jeder dichten Nebelbank, in jeder dunklen Winternacht vermuten kann und das sich scheinbar zwischen die beiden Trauernden stellt.

Musikalisch dagegen ist „Támsins Likam“ die Fortsetzung von „Evst“, oder besser: die Weiterentwicklung. Wenn auch anders. Ich gebe zu, ich habe deutlich mehr als einen Durchlauf gebraucht, um das Album in all seiner Schönheit zu erfassen. Aber es kann ja nicht immer Liebe auf den ersten Blick sein. Denn „Támsins Likam“ ist nicht nur anspruchsvoll, es ist auch anders. Während „Evst“ mächtig, donnernd, brausend und tosend wie die Brandungswellen färöischer Winterstürme ist, vermittelt „Támsins Likam“ ruhig und drückend den Eindruck der Stille dunkler Winternächte, die alles mit einen dichten Schneedecke bedecken, mit Eis überziehen und langsam töten.

„Támsins Likam“ ist wunderschön und gleichzeitig todtraurig. Trauer und Schwermut schwingen in jedem Stück, ganz besonders aber in „Frosthvarv“, zu dem bereits vorab ein sehenswertes Video veröffentlicht wurde. „Frosthvarv“ ist ein hochemotionaler Song, und, wie die Band selbst sagt, zu gleichen Teilen Liebes- und Klagelied. Und dennoch gelingt es HAMFERÐ, stets erhaben zu klingen, niemals auch nur annähernd in Kitsch abzugleiten. Auch hier zeigt sich ihre wohl wichtigste Eigenschaft: Die Fähigkeit, Stimmungen auszudrücken, der Stille Raum zu geben und sie dennoch zu füllen. Die Fähigkeit, Soundlandschaften zu zeichnen, die einen die Geschichte vor dem inneren Auge erleben lassen, selbst wenn man die Texte nicht versteht.

Denn auch auf diesem Album sind die Texte wieder ausschließlich auf Färöisch gehalten. Und das ist auch gut so. Die englische Sprache könnte das typisch Färöische, das auf diesem Album – wie auf allen Veröffentlichungen der Band – immer mitschwingt, gar nicht in Worte fassen. Überhaupt spielt der Gesang auch hier wieder eine tragende Rolle. Was Jón Aldará hier abliefert, ist einfach nur fantastisch. Ich habe ihn ja schon immer für einen der besten Sänger gehalten, die ich kenne, aber er hat es geschafft, sich noch einmal zu steigern. Nach wie vor finde ich es ja beeindruckend, mit welcher Leichtigkeit er zwischen erhabenem Cleangesang und bösen Growls wechselt. Und gerade im Cleangesang ist er noch einmal besser geworden. Worte wie operesk und wagnerianisch, ja, fast schon sakral, beschreiben ihn wohl am besten.

Und doch ist der Gesang nur eines der Instrumente, die auf diesem Album eingesetzt werden. Gerne auch in Form von Chören, diese werden allerdings so einfühlsam und pointiert platziert, dass sie stets die Atmosphäre des Songs unterstützen, niemals aber zu weit in den Vordergrund treten. Im Gegensatz zu den Drums, die oft für meinen Geschmack ein ganz klein wenig zu weit im Vordergrund stehen. Andererseits sind sie dadurch aber auch ein wichtiges Element der Soundlandschaft auf „Támsins Likam“. Die ist wieder einmal mit einer außergewöhnlichen Liebe zum Detail und feiner Raffinesse gestaltet, die ihresgleichen sucht. Auf „Támsins Likam“ ist jeder Song perfekt arrangiert, bei jedem Hören kann man wieder neue, kleine Details entdecken. Und ganz ehrlich: Ich warte lieber 4 Jahre auf ein solches Album als jedes Jahr etwas Halbgares vorgelegt zu bekommen.

Jetzt mag der ein oder andere, vielleicht auch aufgrund meines Reviews hier, denken, dass die Band an Härte eingebüßt hat. Das mag auch auf den ersten Blick so scheinen. Doch wer sich die Mühe macht, dieses Album zu erkunden, der wird feststellen, dass dem mitnichten so ist. Der erste veröffentliche Song, „Hon Syndrast“ ist vielleicht auf den ersten Blick der härteste und brutalste Song der Scheibe. Aber auch dem Rest mangelt es nicht an Doom-Trademarks. Den Höhepunkt erreicht das Album mit dem finalen Stück „Vápn Í Anda“, das sich auf fast 11 Minuten ausdehnt und sich Zeit nimmt, um Stimmung aufzubauen. Man lässt sich viel Zeit und dennoch wird der Song niemals langweilig. HAMFERÐ zeigen hier noch einmal, wie meisterhaft sie es verstehen, auch ruhige Songs brutal klingen zu lassen. Sie zeichnen ein Bild der leisen, stillen, dunklen Brutalität, die das Leben mit sich bringen kann.

„Támsins Likam“ läuft bei mir seit zwei Wochen in Dauerschleife und ich werde es nicht müde. Kaum andere Musik habe ich dazwischen gehört – weil ich nicht wollte und nicht konnte. „Támsins Likam“ ist anders als „Evst“, aber mindestens genauso gut. Das Album ist zum Niederknien schön und gleichzeitig unerbittlich und brutal. Die Band hat sich weiter entwickelt, sich musikalisch verbessert und ist auch mutig genug, das Album nicht wie den Vorgänger komplett selbst zu produzieren, sondern man hat den Mix in die Hände von Daniel Bergstrand gelegt und damit auch verhindert, irgendwann betriebsblind zu werden. Und ich kann nur wieder wiederholen, was ich bereits zu Beginn dieses Reviews gesagt habe: Ich liebe dieses Album. (Anne)


Bewertung:

Anne9,0 9 / 10

Anzahl der Songs: 6
Spielzeit: 43:39 min
Label: Metal Blade Records
Veröffentlichungstermin: 12.01.2018

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