waltertrout battlescarsDer Blues rief im letzten Jahr gehörig nach dem alten Barden, aber weniger in musikalischer Sicht. Mit einem schweren Leberleiden schwebte WALTER TROUT mehrmals zwischen Leben und Tod. Die lebensrettende Transplantation musste über Spenden seiner Fans finanziert werden, weil seine Versicherung lieber Türmchen bauen will. Doch wer so lange im Geschäft ist, den hebt so schnell nichts aus den Angeln, immerhin hat der Mann schon mit Legenden wie JOHN LEE HOOKER, CANNED HEAT und JOHN MAYAL gespielt. Seit 1989 ist er mit wechselnder Besetzung solo unterwegs und veröffentlichte seitdem regelmäßig neues Material. Nach seiner Genesung machte er sich an das Schreiben neuer Lieder, welche auch seinen Kampf gegen die Krankheit zum Thema haben. Sichtlich erschlankt zeigt er sich nun auf dem Coverportrait seines Albums "Battle Scars", die Wunden seiner geschlagenen Schlachten sind deutlich im Gesicht abzulesen.

Schon der schleppende Opener transportiert jene schwermütige Gedankenwelt, die Trout während seiner Krankheit umtrieb. Sicher ist der Blues immer ein Stück weit melancholisch, in "Almost Gone" wird die schmerzvolle Erfahrung inmitten schwerer Akkorde, Harmonikaeinsätzen und dröhnenden Orgeln greifbar. Dabei orientiert man sich hier weniger am Blues, sondern lässt atmosphärischen Rock sprechen. Das gilt auch für das folgende, noch trockenere "Omaha", mit dem er die Hauptstadt des landwirtschaftlich geprägten Nebraska musikalisch mal kurzerhand in die Wüste verlegt.

Dabei hat der Bible Belt weniger Einfluss auf seine Stilistik, vielmehr ist einiges dem Süden geschuldet wie das etwas lockere "Tomorrow Seems So Far Away" oder "My Ship Came In". Letzteres erinnert mit seinem verspielten, leicht funky Leitmotiv deutlich an LYNYRD SYNYRD. Aus deren Feder könnte auch die Ballade "Please Take Me Home" stammen, einer der ruhigsten und versöhnlichsten Momente auf "Battle Scars". In kommerziellere Gefilde, wenn auch wohl unbeabsichtigt, tendiert auch das lässige und eingängige "Fly Away". Das lange Solo am Ende verwirft auch direkt jeden Gedanken an Anbiederung, welche der 64-jährige Veteran wahrlich nicht nötig hat.

Die schweren Töne dominieren eindeutig auf "Battle Scars", so wird im treibenden "Playin´ Hideaway" ordentlich nach vorne gerockt. Dessen rock´n´rollige Attitüde ist einer der wenigen echten Spaßmomente und hätte auch gut in die Südstaaten gepasst. Ebenfalls deftig rockt "Cold, Cold Ground", allerdings im Heavy Blues-Bereich. Eine der düstersten Nummern auf der Scheibe, lang gezogene Leadtöne, schleppender Rhythmus und über alledem Orgelflächen beherrschen das Szenario um die wenig hoffnungsvollen Lyrics von WALTER TROUT.
Ähnlich dunkel fällt das toll atmosphärische "Haunted By The Night" aus. Sehr reduziert in seinen Arrangements beschränkt sich das Schlagzeug nur auf die Tomarbeit, dazu erklingen unheilvolle Slides. Trotz der Schwermut lässt sich ein gewisser Coolness-Faktor nicht absprechen, ein wenig Zynismus spiegelt sich ebenso wieder. Am Ende direkt nach "Cold, Cold Ground" klingt dann das akustische "Gonna Live Again" fast wie eine Erlösung, die Anspannung weicht einer angenehmen Aufbruchsstimmung.

"Battle Scars" fängt die Krankheitsgeschichte ihres Protagonisten gut ein, verquickt geschickt anspruchsvolle Rockelemente mit klassischem Blues. So gut der Vortrag des guten Walter auch ist, so beseelt sein Spiel, irgend etwas fehlt der Scheibe zur absoluten Glanznummer. Ansprechend sind alle Kompositionen, nur bricht er zu selten aus dem Strophe-Refrain-Schema mit langem Solofadeout aus, um auch mal zu überraschen. Gut, der geneigte Fan wird das gewohnt konservativ goutieren. Das staubtrockene Klangbild weiß auch zu überzeugen, wenn auch die Orgel ein wenig besser heraus gemischt hätte sein dürfen. Vor zehn Jahren wäre dies eine Klassescheibe gewesen, im heutigen Bluesboom wird sie es etwas schwerer haben. (Pfälzer)

Bewertung: 7,5 / 10

Anzahl der Songs: 13
Spielzeit: 58:09 min
Label: Provogue/Mascot
Veröffentlichungstermin: 23.10.2015

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