thenightflightorchestra ambergalacticIn jedem Metaller steckt auch ein Rockerherz und womöglich ist es auch umgekehrt genauso. Ein paar gestandene Metalcracks wollten austesten, wie weit sie stilistisch gehen könnten und schlossen sich unter dem Banner THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA zusammen. Bekannteste Figur dürfte Björn "Speed" Strid, der Shouter von SOILWORK sein, der mit seinem Bandkumpel David Andersson die Sache ins Rollen brachte. Andersson brachte von seiner Arbeit mit dem Power Metallern MEAN STREAK noch Drummer Jonas Källsbäck mit, während man Sharlee D´Angelo als Bassist von ARCH ENEMY kennt. Der weiß ja von den SPIRITUAL BEGGARS, wie man Metalhead Retro Rock fabriziert, denn die Siebziger sind das erklärte Zielgebiet der Formation. Nach zwei Scheiben fand man zwar wenig Zeit, diese live zu präsentieren, dafür aber genügend, um "Amber Galactic" einzuspielen.

Der Groove des Openers "Midnight Flyer" lässt zwar noch deutlich an den derzeitigen Retro Boom denken, bei dem die späten Sechziger und frühen Siebziger Pate standen, doch schon bei den Melodien merkt man, dass etwas anders ist. Das Organ von Strid klingt im Rockmodus eindeutig nach Ronnie Atkins von den PRETTY MAIDS, also eine gute Mischung aus rauer Röhre und melodiösem Verständnis. Spätestens mit dem Synthesizersolo wird klar, dass man sich doch deutlich von der Flut der aktuellen Classic Rockbands unterscheidet, denn vieles geht klar in die Melodic Rockschiene. Doch vom der standardisierten Ausarbeitung des Genres ist man weit entfernt, denn die Scheibe bietet weit mehr als knallige Arrangements und Keyboardfanfaren.

Da ist einfach dieser Seventiesbackground vorhanden, als der Jazz noch den Rock beeinflusste, bevor er in den Achtzigern auf das reine Riff herunter gebrochen wurde. Genau das ist es, was man einst unter AOR verstand, immer noch anspruchsvolle Rockmusik, aber mit einer Fülle an süffigen Melodien, die auch mal das kitschige Fach streifen durften. Die Scheibe nimmt uns mit auf eine Reise in die ausgehenden Siebziger, als Tommy Shaw gerade bei STYX einstieg, FOREIGNER und TOTO den Betrieb aufnahmen und sich Kevin Cronin endgültig bei REO SPEEDWAGON etablierte. Mit den Direktiven besetzen sie die Lücke zwischen zwei derzeit arg strapazierten Spielarten.

Und nicht nur das, sie befeuert diesen Stil mit einer songwriterischen Klasse und Frische, welche die Protagonisten selbst nur in ihrer Hochphase erreichten. Das zeigt sich bei „Space Whisperer“, dem einzigen Track, bei dem es ähnlich nach vorne geht wie im Opener, während man im Refrain dem Hörer die Glameleganz von ROXY MUSIC serviert. Den Beweis, wie schmissig sie agieren liefern sie bereits im zweiten Song „Star Of Rio“, der locker los rockt, immer mehr Soulchöre integriert und Chorus förmlich explodiert.
Zu jener Zeit, welche THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA inspiriert hat, waren diese Einflüsse allgegenwärtig, hier darf es gerne etwas mehr sein, funky Grooves in „Domino“ gefällig? Der gute Björn croont so wunderbar, wie man es nie erwartet hätte, die Chöre schneiden unheimlich scharf dazu rein, und dann sind da noch diese perlenden Synthiekaskaden. Ich nehme zwar an, dass sich Tastenhexer Richard Larsson wie viele heutzutage der kompakten Soundbibliothek der Nord-Serie von Clavia bedient, doch das hier duftet herrlich nach dem legendären Yamaha CS-80.

Und für diejenigen, für die das nicht zusammen passt, gibt es zum Hardrock anstatt Funk gleich noch Disco. An der Mischung scheiterten KISS gar nicht so sehr wie allgemein behauptet, „I Was Made For Loving You“ ist immer noch eine Riesennummer. „Saturn In Velvet“ knüpft von der Melodieführung dort an, wobei man mit langem Intro ein wenig Anspruch einbringt. Anspruch war auch das Ding von SUPERTRAMP, was uns bei „Jennie“ wieder zu etwas völlig anderem bringt. Doch die an ihnen geschulten Harmonien funktionieren ebenfalls mit den knalligen und ausgefeilten Arrangements der Schweden, bevor der Refrain ganz weit ausholt.

Nun darf man nicht annehmen, dass die Jungs nur Versatzstücke der genannten Bands zusammen geschraubt haben, nach drei Alben haben sie ihre eigene Linie gefunden, ein Grund, warum das Album so stark ist. Als Erstes fällt vor allem die ungewöhnliche Rhythmik auf, die sich durch fast alle Songs zieht und ihnen Charakter und Eigenständigkeit verleiht. Weiterhin sind da noch die etwas zurückhaltenden Rhythmusgitarren, bei „Gemini“ werden sie fast clean gepickt. Dadurch können sich die Melodien und der Tastenzauber besser entfalten, was dem Song einen unglaublichen Drive verleiht. Nur Bass und Drums treiben diesen Hit unweigerlich voran, so dass der Fuß auf dem Gaspedal kleben bleibt.

Nach ähnlichem Muster funktioniert auch „Josephine“, das mit viel forderndem Piano ein wenig in die SURVIVOR-Richtung tendiert. Deutlicher an Peterik und Co. Angelehnt zeigt sich die Halbballade „Something Mysterious“, welche das brennende Herz erwachsen werden lässt. Damit schafft es „Amber Galactic“ den ursprünglichen AOR-Sound ohne Reibungsverluste in die heutige Zeit zu transportieren, das Feeling bleibt gewahrt, produktionstechnisch agiert man voll auf der Höhe. Eigentlich hatte ich die Truppe als weitere Retroband auf dem Radar, doch das man so eine Stilistik in der Qualität nochmal geboten bekommt, ist ein Segen. Ganz irres Ding, das unfassbar Spaß macht, jetzt schon die Entdeckung des Jahres. (Pfälzer)

 

Bewertung:

Pfaelzer9,0 9 / 10


Anzahl der Songs: 10
Spielzeit: 50:07 min
Label: Nuclear Blast
Veröffentlichungstermin:19.05.2017

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