Hamferð + Son Of Fortune (06.04.2024, Tórshavn (FO))

Sechs lange Jahre ist es her, dass HAMFERÐ ein Album herausgebracht haben. Damals bin ich in einem Anfall von Wahnsinn nach Reykjavik zur Releaseshow geflogen. Und da das letzte Jahr mangels Auftritten für mich ein hamferðloses Jahr, war stand es außer Frage, dass ich für die Releaseshow von „Men Guðs Hond Er Sterk“ wieder auf die Färöer fliegen würde. Auch wenn es natürlich etwas verrückt ist. Doch ich bin in guter Gesellschaft, denn ich bin bei weitem nicht die einzige Ausländerin vor Ort. HAMFERÐ genießen auf den Färöern zu Recht einen ausgezeichneten Ruf und so ist es kein Wunder, dass das Konzert im alten Schauspielhaus in der Hauptstadt Tórshavn ausverkauft ist und die sonst chronisch unpünktlichen Färinger ausgesprochen zeitig auflaufen.

 

 

 

SON OF FORTUNE
Eröffnet wird der Abend von Benjamin Petersen bzw. seinem Alter Ego SON OF FORTUNE. Dabei tritt er dieses Mal solo ohne Band auf. Ein Mann und seine Gitarre – bzw. seine drei Gitarren – wickeln einen ganzen Saal um den Finger. Rein musikalisch passt er mit seinem Poprock mit leichter Countryschlagseite jetzt nicht so wirklich zu HAMFERÐ – aber das macht nichts. Zum einen ist es auf den Färöern ziemlich normal, ganz unterschiedliche Musikstile zusammenzuwerfen, zum anderen geht es den meisten wohl wie mir: Ich liebe SON OF FORTUNE. Benjamin ist ein extrem sympathischer Mann, den man einfach mögen muss. Und seine Musik ist ebenfalls große Klasse. An diesem Abend bietet er einen guten Querschnitt durch sein Schaffen. Darunter sind einige Cover berühmter Country/Blues-Songs, die vom Publikum nicht nur mitgesungen werden, sondern es wird auch mit den Füßen gestampft, dass der Holzboden des alten Theaters bebt. Am besten gefallen mir jedoch Benjamins eigene Kompositionen. Es ist etwas schade, dass er nichts von seinem letzten Album „Voodoopop“ spielt, aber dafür gibt es gleich mehrere ältere Stücke: z.B. von seinem ersten Album „Fullmáni“ den Song „Fótafesti“, der im Publikum begeistert mitgesungen wird. Da Benjamin ein ausgezeichneter Gitarrist ist, darf auch ein ausgedehntes Gitarrensolo nicht fehlen. Die meisten Reaktionen bekommt aber – völlig zu Recht – das Stück „Oyðin“, das er seinerzeit unter dem Namen AVE BENJAMIN veröffentlicht hat. Einer meiner absoluten Lieblingssongs und offensichtlich bin ich damit nicht alleine. Am Ende wollen alle noch eine Zugabe hören. Schade, dass es keine gibt.

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HAMFERÐ
Der Song, der das neue Album von HAMFERÐ beschließt, eröffnet heute ihr Konzert. Die Stimme von Niels Mørk erklingt aus den Lautsprechern und berichtet von den Ereignissen am 13.02.1915 in Sandvík. Dies noch einmal gemeinsam mit allen Anwesenden zu hören, als der Raum ganz still wird, ist ein echter – und erster – Gänsehautmoment. Zu den namensgebenden Worten „Men Guðs Hond Er Sterk“ betritt die Band im Dunkeln die Bühne. Der rechte sanfte Beginn lässt „Ábær“ noch heftiger wirken. Da es sich um das Releasekonzert für das neue Album handelt, werden alle Songs der Platte gespielt. Wer HAMFERÐ kennt, der weiß, dass sie Dinge oft anders machen als man es von ihnen erwartet oder als andere Bands. Während man sonst in solchen Fällen von Bands oft das gesamte Album am Stück und danach noch ein paar Hits präsentiert bekommt wählt der Sechser einen anderen Weg. Denn weder werden die Stücke in der gleichen Reihenfolge wie auf dem Album gespielt, noch alle hintereinander. Stattdessen bietet man einen angenehmen Mix aus alten und neuen Songs, was auch die Spannung aufrecht erhält, denn viele im Publikum kennen die neue Platte ja noch gar nicht. An dieser Stelle möchte ich kurz meine einzige Kritik an diesem Auftritt anbringen: Ich habe „Vráin“ und „Ódn“ vermisst. Aber das soll hier nur eine Randnotiz sein.

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Denn was HAMFERÐ in den knapp zwei Stunden auf die Bühne zaubern, das ist nicht von dieser Welt. Die Band ist besser als je zuvor, die neuen Songs sitzen so gut wie die alten, aber vor allem erzeugt der Sechser eine unglaubliche, beinahe magische Atmosphäre. Die Kulisse des beinahe hundertjährigen Gebäudes trägt dazu sicherlich ihren Teil bei, aber vor allem ist es natürlich die Darbietung der Band, die die Zuschauer in eine andere Welt entführt. Hier stimmt einfach alles. Sänger Jón Aldará ist in Topform und macht wie üblich keinerlei Ansagen, die die Atmosphäre zerstören würden. Von Song zu Song wird man durch die Setlist getragen. Ja, ich bin immer mal wieder durch das Fotografieren abgelenkt. Aber eigentlich wollte ich auch kurze Videoaufnahmen machen. Eigentlich wollte ich auch ein paar Fotos mit dem Handy machen, um sie auf Facebook zu posten. Aber – ich hatte das Ding den gesamten Auftritt über nicht einmal in der Hand. Wenn ich nicht gerade fotografiere, dann bin ich im Moment, bin wie gebannt und kann nichts anderes tun, als dieser unfassbar guten Band zuzusehen. Die Augen schließen und zuhören. Fühlen, wie einen die Musik durchströmt. Mitsingen. Die Songs von HAMFERÐ ziehen einen in ihre düstere und dennoch wunderschöne Welt, man versinkt in den Klängen und nur der Applaus zwischen den Songs zeigt, dass man sich noch in der Realität befindet. Der Sechser spielt derweil seine Magie aus. Egal, ob es heftig zur Sache geht wie in „Stygd“ oder „Rikin“ oder ob es ganz sanft wird wie bei „Deyðir Varðar“, „Fendreygar“ oder „Glæman“ – HAMFERÐ liefern immer.

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Man merkt, dass sie sich gründlich Gedanken gemacht haben, in welcher Reihenfolge sie die einzelnen Stücke spielen, um einen entsprechenden Spannungsbogen aufzubauen. Beim dramaturgischen Höhepunkt „Hvølja“ entlädt sich die Spannung – und lässt den Zuschauer zurück, wehrlos zu Boden geschleudert. Da muss man erst mal kurz Luft holen, bevor eine Zugabe gefordert wird – doch die wird mit Nachdruck gefordert. Mit Rufen und Stampfen unterstreichen die Zuschauer ihren Wunsch nach mehr, insbesondere nach „Harra Guð, Títt Dýra Navn Og Æra“, ohne das die Band auf den Färöern nicht von der Bühne darf. Dieses Stück funktioniert in dieser Form nur auf den Färöern. Jeder kennt diesen Psalm; nachmittags wird er vom Glockenspiel der Havnar Kirkja gespielt, dieses Stück ist präsent im Leben der Menschen. Hier können HAMFERÐ nun entspannen, selbst Sänger Jón kann sich eine Auszeit gönnen, denn das Publikum singt dieses Stück aus voller Kehle mit. Ein weiterer der vielen Gänsehautmomente dieses Auftritts. Wie ein Donnerschlag hallt es durch das Sjónleikarhús, als Schlagzeuger Remi Kofoed Johannesen den härteren Part des Songs einleitet. Gefühlt viel zu früh geht dieser Abend zu Ende. HAMFERÐ überzeugen auf ganzer Linie und ich muss sagen, obwohl das neue Album schon so unfassbar gut ist, sind die Songs live noch besser. Jeder, der dabei gewesen ist, kann bestätigen, wie magisch der Auftritt war. Ich werde sicher noch ganz oft an diesen Abend zurückdenken. Für mich schon jetzt einer der besten Gigs des Jahres. Mit diesem Auftritt haben HAMFERÐ ihre Klasse noch einmal unterstrichen. Dick und fett. (Anne)


Setlist HAMFERÐ:
Men Guðs Hond Er Sterk
Ábær
Í Hamferð
Stygd
Glæman
Deyðir Varðar
Marrusorg
Rikin
Hon Syndrast
Fendreygar
Frosthvarv
Hvølja
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Evst
Harra Guð, Títt Dýra Navn Og Æra

 

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