Pearl Jam - Gigaton

pearljam gigatonNach sechseinhalb Jahren sind die einstigen Rock-Revoluzzer wieder zurück. Dabei ist es um ihre Haltung ähnlich still geworden wie um ihre Karriere. Zu sehr trifft auch der Vorwurf heute mal lässig dreistellige Summen für Tickets aufzurufen eine Band, die einst gegen den großen Ticketmaster-Konzern ankämpfte. Auch sonst sind PARL JAM sehr gesetzt geworden, im Establishment angekommen. Ihr kraftvoller Rock ließ deutlich nach, auch wenn es mit dem letzten Album "Lightning Bolt" wieder etwas bergauf ging. Nun erschien mitten in der Corona-Krise ein neues Album, was natürlich für Aufsehen sorgt und auch Fragen aufwirft. Die dringlichste ist sicher, was "Gigaton" kann, vielleicht die alten Zeiten wieder aufleben lassen oder ist die Kraft endgültig versiegt?

Nicht versiegt ist auf alle Fälle die Power der Gitarren von Mike McCready und Stone Gossard, die nach kurzem Intro direkt loslärmen wie zu besten Zeiten, Dass sie in "Who Ever Said" noch ein etwas LowFi-Noise einbauen rückt das Ding noch mehr in Richtung Neunziger. Dabei schlug man damals mit eben diesem Garagenrock, den man auch im Anschluss mit dem treibenden "Superblood Wolfmoon" serviert bekommt, die falsche Richtung ein. Fans werden es vielleicht anders sehen, aber ich hätte mir nach dem epochalen Debüt mehr solcher Klänge gewünscht, die tief und erdig waren, vielleicht weniger Rotz besaßen, aber eben mehr berührten. Es ist fast schon tragisch, dass mit "Porch" der schwächste Song von "Ten" stilbildend für die weitere Karriere war.

So geradeaus wird im Verlauf des Albums noch häufiger, wie etwa in "Take The Long Way", dessen Punk-Attitüde allerdings nicht ganz an die des Titeltracks vom Vorgänger heran kommt. Und hier haben wir das grundlegende Problem, denn dort war der Sound auch dicker und gab den Songs mehr Wucht, während "Gigaton" doch sehr trocken ausgefallen ist. Auch die Drums geben wenig Impulse, zwar bringt Matt Cameron wie im Eröffnungstrack das eine oder andere steigernde Break, bleibt aber doch etwas unter seinen Möglichkeiten.
Wenn ein Titel an der sagenumwobenen Erstling erinnert, dann sicher die Trump-Abrechnung "Quick Escape", hier gibt es mal wieder eine Annäherung an die Siebziger-Helden, die ursprünglich die große Inspiration waren. Dessen schleppender Groove erinnert sogar an späte LED ZEPPELIN, leider hält der plakative Refrain nicht ganz, was die Nummer verspricht. Dafür weiß hier McCready endlich mal zu glänzen, der heute nur noch wenig Soli abliefern darf, doch was er hier neben ein paar sphärischen Fills bringt, lässt selig an "Alive" denken.

Es sind aber gerade die kleinen Ideen, die zwischendurch für Atmosphäre sorgen, welche den PINK FLOYD-Einfluss besser verarbeiten, als das auf den Scheiben Ende der Neunziger gelang. Da dürfen es auch mal ein paar mehr Tastentöne sein, als bisher üblich, man höre nur den Schlussakkord "River Cross" mit seiner sanften Orgel. "Alright" ist dann völlig ungewöhnlich für die Band, wenn man mal den charakteristischen Gesang von Eddie Vedder außen vor lässt, Gitarren sind kaum auszumachen, das E-Piano wabbert vor sich hin. Noch psychedelischer fällt direkt im Anschluss "Seven O´Clock" aus, in dem der Bass eine führende Rolle übernimmt und es endlich mal tolle Melodien zu bestaunen gibt.

Völlig aus der Art geschlagen ist dann das vorab veröffentlichte "Dance Of The Clairvoyant", in dem Jeff Ament noch präsenter ist. Die fiebriger Leads und Fills, die sich duellieren kreuzen dabei irgendwo die Wege von New Wave und Post Punk, Letzteres auch aufgrund der Harmonien. Das hört sich weniger wie PEARL JAM an, sondern eher wie irgendeine Achtziger-Indieband, welche die Herren einst selbst zum Musizieren veranlasste. Interessant biegt auch das weitestgehend akustische "Buckle Up" um die Ecke, hier arrangiert man dezent jazzig.
Was man dann in "Retrograde" zu hören bekommt kann ich nur schwerlich heraus filtern, ist es ein Horn oder doch ein Keyboard? Jedenfalls ließen mich dessen Einsätze im Auto aufschrecken, weil ich irgendwo den Freund und Helfer vermutete. Jene Lieder am Ende der Scheibe offenbaren ein bekanntes Problem, denn dort ballen sich die Vedderschen Lamento wie das nur mit der Klampfe begleitete "Comes Then Goes". Das hat immer noch Kraft, aber kann nicht immer überzeugen, obwohl oder gerade weil man meist das liefert, was zu erwarten war. (Pfälzer)

 

 

Bewertung:

Pfaelzer7,0 7 / 10


Anzahl der Songs: 12
Spielzeit: 57:27 min
Label: Republic/Universal Music
Veröffentlichungstermin: 27.03.2020

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