wucan reapthestormnb mehrfachwertungWer auf der Suche ist nach einer Band, welche die ungestüme, kompromisslose künstlerische Freiheit propagiert und für sich in Anspruch nimmt, wird bei der sächsischen Band WUCAN perfekt fündig. Das Potential dieser Band hat sich bereits auf ihrem Debütalbum „Sow The Wind“ abgezeichnet, aber was Francis Tobolsky und ihre drei Mitstreiter auf ihrem dieser Tage erschienenen Zweitwerk „Reap The Storm“ anbieten, sprengt Grenzen, löst sich von kreativen Fesseln und sorgt dafür, dass man jenseits von einfachen „geil versus scheiße“ Kategorien über Musik diskutieren kann. Ich kann mich an kaum ein anderes Werk in den letzten Jahren erinnern, das den Hörer vor so große Herausforderungen stellte. Ds Debüt war dagegen in der Tat nur ein laues Lüftchen. Diese Aussage ist für den Augenblick auch erst einmal wertneutral zu verstehen, es steht außer Frage, dass WUCAN hier ein besonderes Tondokument erschaffen haben, das sagt aber natürlich noch nichts über die tatsächliche Qualität aus.

„Wer Wind sät, wird Sturm ernten“, übertragen wir dieses aus der Bibel abgeleitete Zitat in die Realität, dann entfaltet es einiges an Wahrheit. WUCAN werden sich und ihre Hörer mit diesem Album stürmischen Zeiten aussetzen, sei es nun ein Sturm der Begeisterung, ein Sturm der Ratlosigkeit oder einen Sturm der Entrüstung.
Ich selber habe mindestens diese drei Gefühlswelten in den letzten Wochen in Zusammenhang mit diesem Album erlebt, das sich einfach nicht dazu eignet, mit den gängigen Kriterien abgehandelt zu werden. Werfen wir einen kurzen Blick zurück auf das Debütalbum, dann gab es auf „Sow The Wind“ fünf gut komponierte Songs zwischen Progressive Rock, 70ties Rock und Krautrock sowie mit dem viertelstündigen „Wandersmann“ ein Stück, das zum Polarisieren einlud und rückblickend betrachtet bereits einen ersten Eindruck von dem vermittelte, wofür WUCAN nun im Jahr 2017 stehen. Mit dieser Zweiteilung hatte "Sow The Wind" eine gewisse angenehme Berechenbarkeit.

Wie eingangs erwähnt stehen WUCAN nun hier für die totale künstlerische Freiheit, der Anteil von dem, was man unter Psychedelic Rock oder Krautrock versteht, ist spürbar erhöht worden, auch die kürzeren Songs sprühen so sehr vor Ideen, dass sich die Band sicherlich keine Mainstream Vorwürfe gefallen lassen muss. Von den beiden Longtracks der zweiten Albumhälfte ganz zu schweigen.
Wer einen roten Faden findet, soll diesen bitte aufheben und der Band schicken, nach meinen Erkenntnissen gibt es diesen bei vorliegendem Album nicht, was einer der Schwachstellen von „Reap The Storm“ ist.

Dieses genreübegreifende Element ist grundsätzlich natürlich eine feine Sache, weil man damit nicht nur Musik, sondern Kunst schaffen kann, von daher ist es kein Zufall, dass die Band mit Mitteln für Kultur und Medien (im weiteren Sinne) gefördert wurde. Ich habe allerdings inzwischen so etwas den Eindruck gewonnen, dass WUCAN verglichen mit ihrem Debüt sowohl mit dem rechten als auch mit dem linken Fuß einen Schritt nach vorne machen wollen, und wer das jetzt zu Hause einmal probieren möchte, wird feststellen, dass man damit schnell auf der „Fresse“ landen kann, um ein Zitat von Andrea Nahles zweckzuentfremden, das aktuell die Runde macht.

Man kann es auch frei von der Leber weg sagen wie es ist, nicht alles bei „Reap The Storm“ funktioniert auch vernünftig, selbst dann, wenn man sich größte Mühe gibt, es zu kapieren. Der Longtrack „Aging Ten Years In Two Seconds“ (cooler Titel) zum Beispiel ist etwas zu sehr Stückwerk, hat viele brauchbare Passagen, die aber nicht alle homogen zusammenpassen. Außerdem ist bei dem Stück nach 13 Minuten bereits alles gesagt, trotzdem wird es dann noch unnötig weitere 8 Minuten in die Länge gezogen.

Und wenn man dann an diesem Punkt durchatmet und denkt, das war’s mit „Reap The Storm“ gibt’s obendrauf noch einen Achtzehnminüter mit dem Titel „Cosmic Guilt“, bei dem sich die Band eher dem Space Rock widmet. Auch dieses Stück fällt stellenweise spannungsarm aus, auch weil es überwiegend instrumental gehalten ist.

Von einem anderen Kaliber sind da hingegen die ersten Stücke des Albums. Bei „Wie Die Welt Sich Dreht“ versteht man zwar kaum ein Wort, obwohl Francis in deutscher Sprache singt und gedichtet hat, das Stück ist aber kompositorisch oberste Kategorie. Auch „Ebb And Flute“/The Eternal Groove“ gefällt nicht nur mit einem Wortwitz, der an „Face In The Kraut“ vom Debüt anknüpft, sondern vielmehr als enorm abwechslungsreiches Stück mit toller Basslinie und mitreißenden Flötensoli. Auch bei diesen ersten beiden Songs des Albums wollen WUCAN kaum in eine Schublade passen, etwas angenehmer wird es diesbezüglich dann bei den nächsten Songs. „Out Of Sight, Out Of Mind“ ist das zugänglichste Stück des Albums und so etwas wie ein kleiner Hit mit Schlagseite in Richtung Heavy Metal, „I’m Gonna Leave You“ überrascht mit einem direkten, fiesen Text und bietet in meinen Augen nicht nur vom Titel her Querverweise in Richtung LED ZEPPELIN.

Sucht man das Highlight von „Reap The Storm“ wird man bei „The Rat Catcher“ fündig, das in gut 5 Minuten die ganze Klasse dieser Band beinhaltet, in diesen Momenten ist dann auch weitgehend eine klare Linie ersichtlich, hier versucht sich die Band nicht an der Quadratur des Kreises. Und um die Sache rund und vollständig zu machen, gibt es dann, bevor es mit den beiden Longtracks ans Eingemachte geht, noch das „Falkenlied“ und ich habe nach wie vor keine Ahnung, was uns die Band damit sagen will, auf textliche Zitate verzichte ich an dieser Stelle.

Ich gebe zu, das war nun sicherlich das Gegenteil eines Schnelldurchlaufes durch das zweite WUCAN Album, alles andere wäre diesem Werk aber auch nicht annähernd gerecht geworden. Ob „Reap The Storm“ nun qualitativ eher gut oder qualitativ eher schlecht ist, das liegt im Auge des Betrachters, eine kurze, oberflächliche Beurteilung von Sound, der übrigens sehr ordentlich geraten ist, und Songs greift hier wegen der Komplexität des Gebotenen zu kurz.

Ich bin sicher, dass die Band selber wahnsinnig stolz auf ihr Album sein wird, weil es eben wie dargelegt mehr ist als nur ein Album, vielleicht wird man auch erst in einigen Jahren wirklich wissen, ob WUCAN mit diesem Album andere Künstler beeinflussen konnten oder ob es sich bei „Reap The Storm“ lediglich um einen überambitionierten Versuch gehandelt hat. Es ist auf jeden Fall ein durch und durch mutiges und ambitioniertes Werk und beide Eigenschaften sollten nach gesundem Menschenverstand belohnt werden. (Maik)


Anzahl der Songs: 8
Spielzeit: 73:30 min
Label: MIG/Indigo
Veröffentlichungstermin: 29.09.2017

Bewertung:

Maik 20168,0 8 / 10


Andreas 9,0 9 / 10

Uwe7,5 7,5 / 10

Anne6,0 6 / 10

Pascal7,5 7,5 / 10

Alex27,0 7 / 10

Pfaelzer7,0 7 / 10

Karin 9,09 / 10


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Pfaelzer antwortete auf das Thema: #21769 2 Monate 2 Wochen her
Mir geht es ähnlich wie Maik, wenn ich einen roten Faden suche, nehme ich das Buch meiner Tochter von der Katze Millie, dort zieht sich einer über ale Seiten, was hier nicht der Fall ist. Vieles will nicht so recht zusammen passen, irgendwo hat die Band zuviel gewollt, obwohl man ihr durchaus Klasse zugestehen muss. Psych, Kraut, Blues, Prog, das kriege ich ja alles noch irgendwie unter meinen Hut, wobei ich diesen 70er DDR-Folkprog von "Wie Die Welt Sich Dreht" und "Falkenlied" richtig gut finde. Aber die treibenden Metalanleihen sind dann eindeutig zuviel, dass will und kann nicht passen, die Bridge von "Out Of Sight, Out Of Mind" ist klar bei "Kiss Of Death" von DOKKEN belehnt. Auch wenn ich weiß, dass mich Francis Tobolsky hassen wird, dass ich sie mit dem größten Sexprotz der Hair Metalszene in einem Satz nenne. ;-)

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