rush timestandstillEinen passenderen Titel hätten sich die Kanadier nicht von ihrem Backkatalog entlehnen können. Denn die Zeit scheint in der Rockwelt wirklich still zu stehen, wenn die genialste Band aller Zeiten ihr Ende verkündet. Lange war ja darüber spekuliert worden, wie es mit RUSH weitergehen sollte, in den letzten Jahren waren sie nur noch sporadisch unterwegs und ließen sich fünf Jahre oder mehr Zeit für ein Album. So soll die R40-Tour im Sommer die letzte gewesen sein, seitdem hört man von der Legende nur noch Gerüchte, immerhin wollte der Dreier nach dem SwedenRock 2013 wieder öfter auf Festivals spielen. Ein offizieller Abschied für die europäischen Fans steht auch noch aus, doch ob es dazu kommen wird, war bislang mehr als ungewiss. Mit „Time Stand Still“, welches die letzte Tour dokumentiert, wollen die Herren jetzt Licht ins Dunkel bringen und noch einmal auf ihre Karriere zurück blicken.

Wer sich nun bei einer DVD über eine Abschiedstournee an „Forever And A Day“ der SCORPIONS erinnert fühlt, der liegt alles andere als falsch. Vom Aufbau her werden hier ebenfalls die Tage herunter gezählt zur finalen Show und zwischendurch immer wieder Momente aus der Bandgeschichte beleuchtet. Nur dass hier, so schmerzlich das ist, die Geschichte wohl kein gutes Ende nimmt. Während bei der Veröffentlichung der Biographie von Deutschlands erfolgreichstem Exportartikel die Reunion längst vollzogen war, hört man bei den Prog-Übervätern doch sehr eindeutige Statements.

Das Problem ist schon länger die fehlende Tourfreude von Schlagzeuger Neil Peart, die zweierlei Gründe hat. Erstens hat der Mann lange nach dem tragischen Tod seiner Frau und Tochter eine neue Familie gegründet, während Alex Lifeson schon Opa ist. Daher macht ihm die Trennung von seinen Liebsten weit mehr zu schaffen als den beiden anderen. Was ebenso debattiert wird, ist die immense körperliche Belastung von Drei-Stunden-Shows, welche bei der Formation Standard sind. Bassist, Keyboarder und Sänger Geddy Lee stellt fest, dass der Sänger den schwierigsten Job hat, während der Schlagzeuger am schwersten arbeiten muss.
Daher hat er auch alles an Verständnis von seinen Kollegen, die sich mit der Entscheidung weit schwerer tun. Natürlich fällt es ihm auch leichter, weil er sich mit dem Schreiben von Büchern längst ein zweites Standbein und neues kreatives Feld geschaffen hat. Doch wenn man vierzig Jahre zusammen spielt, so lange befreundet ist, dann kann man nicht einfach mit einem neuen Mitglied weiter machen, zumal der beste Drummer der Welt nie zu ersetzen ist. Und der wollte eben abtreten, wenn er noch im Stande ist, dieses Niveau zu bringen.

Dieses spezielle Verhältnis zwischen den Musikern wird auch in diesem Film ausgiebig thematisiert. So staunt ihr Manager Ray Danniels heute noch darüber, wie Menschen, die in ihrem Tun so einzigartig sind, sich so wenig ernst nehmen. Vielleicht ist es der Humor der Drei, welche den Abschied für sie leichter nehmen lässt als für ihr Umfeld. Auch viele aus der Crew kommen zu Wort, so erzählt ein Truckdriver wie Alex Lifeson einmal vorne im Truck mitfuhr. Die meisten von ihnen haben RUSH schon lange begleitet, man fühlt sich fast wie in einer Familie, weswegen auch bei ihnen etwas weg bricht.
So werden viele Anekdoten aus dem Tourleben hervor gekramt, mal heiter, mal von den Strapazen kündend. Tourmanager und Band erzählen, wie die Shows immer größer und aufwendiger wurden, man bekommt einen Einblick in die riesige Maschinerie dahinter. Auch die Exkursionen von Neil Peart, der den Tross in den letzten Jahren mit dem Motorrad begleitete, werden angesprochen, ebenfalls eine Besonderheit im Musikzirkus. Am Ende beim letzten Konzert in Los Angeles gewährte das Trio sogar einen Blick in die hochheiligen Backstageräume.

Die Interviewsequenzen mit Lifeson und Lee wurden in einem sehr stylischen Studioraum aufgenommen, der ein wenig an ein altes Fabrikgebäude erinnert. Peart hingegen wurde in seinem silber blitzenden Fuhrpark gefilmt. Doch trotz all dem Luxus, den sie sich leisten konnten, waren RUSH immer bodenständig, man erkennt die Dankbarkeit, mit der sie ihren Erfolg nicht als selbstverständlich ansehen. Auch die Fans sind Teil ihrer Familie und sollen in der Dokumentation ebenso zu Wort kommen. Dabei outen sich durchaus einige Prominente wie Filmemacher Michael Moore als Anhänger.
Der referiert ebenso über seinen Bezug zur Band wie viele Konzertbesucher, jeder hat seine eigene Geschichte zu der Formation, und jedem merkt man die Passion an. Wie tief die Liebe bei ihren Fans sitzt, kann man bei der Einführung in die Rock´n´Roll Hall Of Fame sehen, als nur die Nennung ihres Heimatortes Toronto für orkanartigen Jubel sorgte. Die Laudatio hielten mit den FOO FIGHTERS-Recken Dave Grohl und Taylor Hawkins zwei völlig enthusiastische Verehrer, die den Fakt heraus stellten, dass RUSH nur mit der Kraft ihrer Musik nach oben kamen. Eine Kraft, die vielen auch half, wie einem Fan aus Irland, der einen schweren Unfall überlebte.

Aus allen Herren Länder waren sie gekommen, um ihren Idolen beim letzten Aufgalopp zu huldigen, ob Argentinien oder Schweden, ob Japan oder Chile, kein Weg war zu weit ins LA Forum. Die Band selbst wollte den Abend wie jedes andere Konzert angehen, aber ein Stück weit die Gedanken um den Abschied hat man im Hinterkopf. Die Fans wurden bei der Anreise gefilmt, viele Dinge wurden vom Fanclub Rushcon extra ausgedacht. Deren Gründerin Jillian Maryonovic kommt auch oft, und zeitweise sehr emotional zu Wort, so gibt es auch Ausschnitte aus den von ihr veranstalteten Fantreffen. Als dann das Unvermeidbare kam, flossen bei vielen die Tränen, und ganz ehrlich, man muss als Zuschauer schon aufpassen, sich davon nicht anstecken zu lassen.

Die Dokumentation der letzten Tour wurde von Dave Heslip sehr liebevoll gefilmt und reicht fast an die legendäre Biographie „Beyond A Lighted Stage“ von Sam Dunn und Scott McFayden heran. Die Szenen wurden oft mit Musik unterlegt, dazu gibt es viele Konzertausschnitte, so dass das Vermächtnis der Band allgegenwärtig ist. Als Bonus gibt es noch „Live“, eine Auswahl von Titeln, die auf der „Presto“-Tour mitgeschnitten wurden. Von der Qualität können die Aufnahmen aber nicht mit den bekannten aus den Achtzigern mithalten. Einerseits fällt das Bild sehr dunkel aus und die Farben überstrahlen dazu, andererseits kommt der Sound ein wenig zu rau rüber. Das ist zwar durchaus interessant, weil die Songs dadurch knackiger wirken, aber die typischen Harmonien gehen verloren. Dennoch ein gutes Zeitzeugnis, welches eine schön Ergänzung zum großartigen Hauptfilm darstellt. (Pfälzer)

 

Bewertung:

Pfaelzer9,0 9 / 10


Anzahl der Songs: 6
Spielzeit: ca. 165 min
Label: Anthem/Mercury/Universal
Veröffentlichungstermin: 18.11.2016

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